Google Music kommt! Laut übereinstimmender Berichte der New York Times und des Wall Street Journals will Google seinen lang erwarteten Musik-Streaming-Dienst noch heute im Rahmen der I/O Entwicklerkonferenz vorstellen. Ist Google zu spät?
Wurde ja auch Zeit, schließlich gab es in den letzten Monaten nichts im Android-Universum, was so oft angekündigt und dann doch wieder verschoben wurde. Zuletzt war von Verhandlungen mit dem schwedischen Dienst Spotify die Rede, ohne dass es zu einem Ergebnis gekommen war. Jetzt ist es also soweit, hallelujah! Zum Start von Google Music liefert Google allerdings direkt einen Dämpfer frei Haus:
Nach über einem Jahr erfolgloser Diskussionen über lizenzrechtliche Fragen mit den vier großen Labels (Universal, Warner, EMI und Sony) wird Google Music nur als abgespeckte Version an den Start gehen – der Name lautet dementsprechend auch “nur” Music Beta.

Nur Music Beta
Ähnlich wie bei Amazons vor kurzem erfolgreich gelaunchtem Cloud Player können Nutzer von Google Music in Zukunft ihre Musiksammlung mit einem Upload-Client auf die Google Server hochladen und diese dann über jeden PC und jedes Android-Smartphone mit Internetverbindung streamen. Google bietet zwar mehr kostenlosen Speicherplatz als Amazon (jeder User soll 20.000 Songs speichern können, unabhängig von der Dateigröße), ansonsten sind sich beide Dienste aber ziemlich ähnlich.
Mit einer Einschränkung: Amazons Cloud Player hat den Vorteil, dass man direkt auf den Amazon-Store zugreifen und dort Musik kaufen kann, die dann automatisch in der Cloud gespeichert wird (außerdem erweitert Amazon beim Kauf eines MP3-Albums den verfügbaren Speicherplatz für ein Jahr von 5 GB auf 20 GB). Das kann Google nicht, und auch die ursprünglich geplante Tausch- und Teil-Funktion ist in der abgespeckten Version nicht integriert. Dafür hätte es der Zustimmung der großen Plattenlabels bedurft, und die hat Google allem Anschein nach trotz langwieriger Verhandlungen nicht bekommen.

Android-Mann Jamie Rosenberg sagte der New York Times gestern: “A couple of major labels were not as collaborative and frankly were demanding a set of business terms that were unreasonable and did not allow us to build a product or a business on a sustainable business[...]”
Gegenüber All Things D äußerte er sich ähnlich: “A couple of the major labels were less focused on the innovative vision that we put forward, and more interested in in an unreasonable and unsustainable set of business terms.”
Damit ist Google Music vorerst nicht viel mehr als ein externer Speicherdienst, auf den man mit der Musik-App von Android (ab Version 2.2) oder über einen Flash-basierten Web-Player mit Googles Chrome-Browser zugreifen kann.
Invite Only
Zuerst soll der Dienst nur als “Invite Only” an den Start gehen – alle Teilnehmer der I/O erhalten eine Einladung, ebenso wie die Besitzer der Verizon-Version des Honeycomb-Tablets Motorola Xoom. Nicht-Kunden des US-Mobilfunkanbieters und sowieso alle anderen außerhalb der USA müssen sich wie üblich noch weiter gedulden. Laut New York Times kann man sich zwar über diesen Link registrieren, in Deutschland führt der Pfad allerdings ins Leere.

So stellt sich langsam die Frage, ob man überhaupt noch Lust hat, auf Google Music zu warten. Denn so toll das alles klingt, soviel Fragezeichen tauchen auch bei näherer Betrachtung auf. Das erste Problem sind die langen Upload-Zeiten: Speicherplatz für 20.000 Songs in allen Ehren, aber wer hat Lust, einen Upload zu starten, der ein, zwei Tage dauern könnte? Und das ist ja nur der erste Schritt.
Online-Streaming: Lösung und Problem
Dann kommt das Problem mit der Internetverbindung: Zwar wird mit dem Musik-Dienst der Einsatz von physikalischen Datenträgern wie microSD-Karten zwar überflüssig, doch um die Musik auch wiedergeben zu können, braucht man eine schnelle Internetverbindung. Außerdem wird beim Streamen von Musik eine große Datenmenge übertragen. Auch wenn die meisten Smartphone-Besitzer eine Internet-Flat haben dürften, so werden doch die meisten Tarife ab einer bestimmten Datenmenge gedrosselt.
Wenn man seine Musik künftig nicht mehr von der Speicherkarte abspielt, sondern sie stattdessen streamt, dürfte die Drosselungsgrenze schnell erreicht sein. Und mit Modem-Geschwindigkeit dürften die langen Bufferzeiten das Hörvergnügen doch deutlich schmälern. Außerdem ist der Traum vom flächendeckender Versorgung mit mobilem Internet bei Überland-Strecken, in Tunneln oder spätestens dann im Flugzeug schnell ausgeträumt. Das war’s dann mit dem Stream-Vergnügen.
Dementsprechend bezeichnet Rosenberg Google Music Beta auch nur als ersten Schritt in Richtung eines breiter angelegten Cloud-Dienstes für Musik, der auch das Kaufen und Teilen von Musik ermöglicht. Über die dafür benötigten Lizenzen mit den Plattenfirmen muss allerdings erst noch verhandelt werden.
Spannend dürfte die ganze Geschichte spätestens dann wieder werden, wenn Apple seinen geplanten Musikdienst im Sommer startet. Die Google-Konkurrenten tüfteln nämlich an einem Musikdienst für ihr iOS-Betriebssystem, der den langwierigen und beschwerlichen Upload-Prozess umgeht, indem er einfach die Songtitel aus der iTunes-Database abruft und dann anhand eines zentralen Musik-Speichers eine Online-Kopie davon erstellt. Die Technologie hat Apple bereits, ist nur die Frage, ob es dem Unternehmen gelingt, die Deals mit den Labelbossen auszuhandeln.
Livestream von der I/O
Wer live dabei sein möchte, wenn Google während der I/O-Keynote heute Abend seinen Musik-Dienst vorstellt, kann das Ganze hier im Livestream verfolgen. Ab 18:00 Uhr geht’s los.
[via New York Times, Engadget, TechCrunch]
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